Klimawandel bringt neue Bärenart in Nordamerika hervor

Auszugsweise: Die Welt 15.06.2015: Cappuccino-Bären sind eine Folge des Klimawandels und Die Welt 05.01.2016: Der Cappuccino-Bär, eine Volte der Evolution

Cappuccino-Bär

Die Lebensräume von Eisbären und Grizzlys überschneiden sich immer mehr. Sie zeugen cremefarbene Mischlinge, die Eigenschaften beider Arten aufweisen. In Alaska und Kanada werden immer wieder Kreuzungen von Eisbär und Grizzly entdeckt. Sie überraschen die Forschung. Denn eigentlich dürfte es den Artenmix nicht geben – und nicht alle überleben ihn.

Nachdem das Tier mit einem gezielten Schuss erlegt war, wurde Roger Kuptana nervös. Was hatte er denn da schiessen lassen? "Das ist doch gar kein Eisbär", dachte der Inuit, als er sich die Beute genauer ansah. Das weisse Fell des Tieres war braun gesprenkelt. Ein Ring dunkler Haare rahmte die Augen ein – und die langen Klauen waren untypisch für einen Eisbären, gehörten eher zu einem Grizzly. Ansonsten sah das Tier aber genau wie ein Eisbär aus.

Eisbären für Jäger aufzuspüren ist Roger Kuptanas Job. Mit diesem Ziel war der Inuit, der von der Banks-Insel in der kanadischen Arktis stammt, auch an jenem 16. April 2006 losgezogen – zusammen mit Jim Martell, einem Kunden aus Idaho, der den tödlichen Schuss abgeben hatte. Und um den Kuptana sich nun Sorgen machte: Schliesslich hatte Martell für 45.450 kanadische Dollar eine Jagdlizenz für die weissen Bären gekauft.
Doch das Tier, das nun vor ihnen lag, schien kein lupenreiner Eisbär zu sein. Sollte Martell einen Grizzly erlegt haben, drohte ihm ein Jahr Gefängnis. "Vielleicht", versuchte Kuptana sich und seinen Jäger zu beruhigen, "vielleicht ist es ja ein Mischling".

Und tatsächlich, die Mutter des Tieres war eine Eisbärin, der Vater ein Grizzly. Das bestätigte die Analyse des Erbguts. Damit war Jim Martell freigesprochen. Der tote Bär galt fortan als "Cappuccino-Bär" und wurde zu einer wissenschaftlichen Sensation: Da Eis- und Braunbären zu verschiedenen Arten gehören, sollten sie eigentlich keine Nachkommen miteinander haben.

Bild: Stol.it 15.06.2015

Wenn sie doch Nachwuchs haben, dann sollte der zumindest unfruchtbar sein. So steht es zumindest in den Biologie-Büchern: Was sich schart und paart gehört zu einer Art. Paaren sich verschiedene Arten erfolgreich, hat der Nachwuchs keine Nachkommen.

Vater Grizzly, Mutter Eisbärin

Doch manchmal hält sich die Biologie nicht an das Korsett, in das Theoretiker sie zwingen. Das Beispiel der Cappuccino-Bären zeigt: In der Natur spielen Zufälle eine grössere Rolle, als Biologen wahrhaben wollen. Die Grenzen zwischen Arten sind nicht unüberwindbar, sie mischen sich häufig – und das kann sogar dazu führen, dass eine Art verschwindet. Nach Millionen Jahren der Koexistenz geht die eine in der anderen Art auf.

Ein anderer Inuit bewies vier Jahre nach dem Sensationsfund, wie wenig verlässlich der Artbegriff ist. Er erlegte auf der Victoria-Insel einen Bären, bei dem die Erbgutuntersuchung zeigte: Sein Vater war ein Grizzly, seine Mutter ein Cappuccino-Bär [andere Namen: Grolar Bear (Canada) oder Pizzly (wird in manchen kanadischen Medien verwendet)]. Das war der Beweis, dass auch die Mischlinge Nachkommen haben können.

Wissenschaftler haben also Hinweise darauf gefunden, dass Hybridbären fortpflanzungsfähig sind. In der Beeringsee zwischen Alaska und Russland wurden auch schon Mischlinge zwischen verschiedenen Walarten beobachtet. Auch unter einigen Robbenarten soll es zu Hybridisierungen kommen. In Nordamerika etwa haben sich Kojoten und Wölfe vor einer Million Jahre getrennt, trotzdem gibt es fruchtbare Mischlinge. Die Trennung von Arten darf nicht beliebig lange her sein, sonst können sich die Nachkommen meistens nicht mehr vermehren. Pferd und Esel sind beispielsweise seit vier Millionen Jahren eigene Arten. Sie können gemeinsame Nachkommen zeugen – diese aber vermehren sich nicht. Auch die Nachkommen von Löwe und Tiger, die sich ebenfalls vor vier Millionen Jahren trennten, sind meist unfruchtbar.

Wissenschaftler interessieren sich schon lange für die Verwandtschaft dieser Bären. "Unsere Arbeiten haben gezeigt, dass sich Eis- und Braunbären vor etwa 600.000 Jahren getrennt haben", sagt Axel Janke vom "Biodiversität und Klima – Forschungszentrum" in Frankfurt. "Seither gab es drei Warmzeiten, in denen das Eis geschmolzen ist. Die Eisbären haben vermutlich in kleinen Populationen in Nischen überlebt."

Sind die heutige Erderwärmung und das Schmelzen des Eises rund um den Nordpol dann überhaupt eine Gefahr für die Existenz des Eisbären? "Gelegentliche Hybridisierungen sind nicht unbedingt gefährlich für die Art", sagt der Evolutionsbiologe Janke.

Sehr viele Kreuzungen würden aber mit Sicherheit auf Kosten der Eisbären gehen, denn aktuell gibt es nur etwa 25.000 Eisbären und mindestens eine halbe Million Braunbären.

Wer in Nordamerika den Wettlauf gewinnt, die Grizzlys oder die Eisbären, scheint klar: Biologen des Fish and Wildlife Service hatten in Alaska Grizzlys und Eisbären beobachtet, die sich um Wal-Kadaver stritten. Zwischen 2005 und 2007 konnten sie 137 Konfrontationen der beiden Bärenarten beobachten. In 124 Fällen siegten die Grizzlys.
dpa/tna